Impressionen vom Leipziger Klimastreik

Sie kommen aus allen Richtungen. Ungefähr ab halb drei fängt der Augustusplatz an sich zu füllen. Erst langsam, dann immer schneller, exponentiell. Vom Bahnhof, aus der Innenstadt, an der Moritzbastei und der Uni entlang oder vom Ring, wohin man schaut, kommen Menschen, auf Fahrrädern, Skateboards und zu Fuß, einige mit Kinderwagen. Viele tragen Plakate. Ein Pinguin im Rettungsring springt ins Auge. Er fragt, wo sein zu Hause geblieben sei. Auf einem anderen Karton sieht man Mufasa, den König der Löwen, wie er seinem Sohn Simba sein Reich zeigt mit dem Satz: „Das wird alles einmal dir gehören.“ Doch das Reich besteht aus Kohlekraftwerken, Schmutz und Bränden, ein Bild von Verwüstung und Hoffnungslosigkeit.

Aber es gibt Hoffnung, deswegen kommen all diese Menschen. Hoffnung darauf, dass die Menschheit es schafft, ihr Verhalten derart anzupassen, dass wir dem Pinguin und dem Löwen nicht ihre Heimat zerstören. Hoffnung darauf, dass wir auch unsere Heimat nicht zerstören. Ein kleines, fast unscheinbares Plakat, schwarzer Edding auf braunem Karton, bittet: „Please, I would like to grow old…“

25.000 Menschen werden an diesem historischen Tag auf dem Augustusplatz gezählt. Es ist eine der größten Demonstrationen der Leipziger Geschichte. Leipzig setzt ein klares Zeichen, wenige Wochen nach der Wahl, die allen noch in den Knochen steckt. Doch die Hoffnung kehrt zurück, die Hoffnung auf Wandel, auf Handeln. In Gestalt von all diesen Menschen, natürlich den Jugendlichen, den Schüler*innen und Student*innen, die bereits seit über 50 Wochen hier jeden Freitag auf die Straße gehen. Aber auch ihre Eltern sind da, ihre Großeltern, es gibt sogar den Demo-Block „Omas for Future“. Wissenschaftler*innen, und Arbeiter*innen, Rentner*innen und Künstler*innen stehen Seite an Seite eng aneinandergedrängt zwischen Oper und Gewandhaus. In allen Bereichen der Gesellschaft wird für Klimagerechtigkeit gekämpft. Viele Läden und Cafés haben geschlossen, Gewerkschaften zur Teilnahme aufgerufen. Einige feiern Überstunden ab, viele haben sich Urlaub genommen oder um Erlaubnis gefragt, früher ihre Arbeit zu verlassen. Alle sind wir hier – und das aus einem guten Grund.

Auf der Bühne beginnen die Beiträge. Shayli, 22, und Helene, 14, begrüßen die Demonstrierenden, die mittlerweile den ganzen Augustusplatz ausfüllen, während nach wie vor aus allen Ecken und Winkeln weitere Leute dazukommen. Die Sonne scheint und im Brunnen vor der Oper reflektiert sich der blaue Himmel, so dass fast der Eindruck entstehen könnte, es sei doch alles in Ordnung mit der Welt. Doch dass gutes Wetter und Klima erst mal nichts miteinander zu tun haben, ist natürlich allen vernünftigen Menschen bekannt und dass nicht alles in Ordnung ist in einer Welt im Klimawandel wird durch die vielen eindrücklichen Redebeiträge untermauert. Vor allem Betroffene kriegen eine Bühne geboten und nutzen diese, um von der eiskalten Realität der Klimakatastrophe Zeugnis abzulegen. Jens Hausner aus Pödelwitz kämpft um das Leben seines Dorfes, das von den Kohlebaggern dem Erdboden gleichgemacht werden soll. Doch er denkt weiter, denkt an die Betroffenen in Mosambik und Bangladesch: „Die Menschen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, haben am allermeisten unter den Folgen zu leiden“, konstatiert er und ruft zur internationalen Solidarität auf. „Wir sind alle gleich“, ruft er, „Keiner hat ein Recht auf einen übermäßigen Lebensstandard.“ Applaus brandet auf und Fäuste recken sich in die Höhe.

Stiller ist das Publikum bei dem tief bewegenden, wunderschön vorgetragenen Beitrag von Jasmin Herold. Man spürt die Todesangst, die sie empfand, als sie in Kanada vor massiven Waldbränden fliehen musste, empfindet ihre Verzweiflung, als sie von der Krebserkrankung ihres Mannes in Folge von Umweltverschmutzung erzählt. Zwischen alldem stellt sie Zusammenhänge her und fordert, dass wir endlich die Route verlassen müssen auf der wir sind. Abbiegen, dem Brand entkommen. Handeln. Besonders eindrucksvoll ist auch Tonny Nowshin, eine junge Studentin aus Bangladesch, die sich dort, trotz Repressionen der Regierung, vehement gegen die Pläne stellte, den ältesten Mangroven-Wald der Welt der Kohleindustrie zu opfern. Sie wirbt für gemeinsames Handeln, erinnert, dass unser Kampf, ob in Bangladesch, ob in Südamerika oder in Deutschland der selbe ist. Wir sind alle verbunden, so ruft sie auf. Auch gegen Rechts stellt sie sich, berichtet von eigenen Erlebnissen mit Rassisten und führt vor Augen: Wer fürs Klima kämpft, der kämpft auch gegen rechts. Wer Feminist ist, kämpft für das Klima. Es ist alles der selbe Kampf gegen Diskriminierung, Zerstörung und Unterdrückung.

Währenddessen arbeiten die vielen Ordner*innen und Organisator*innen fieberhaft hinter der Bühne teilweise mit zwei Walkie-Talkies am Ohr. So einen Ansturm hatte man nicht zu erträumen gewagt und die ersten Schätzungen trudeln ein. Die häufigste Anmerkung, die von Teilnehmenden, die hektisch hinter die Bühne gestürzt kommen, gemacht wird, lautet: „Ihr müsst dringend die Lautstärke erhöhen. Hinten hört man nichts mehr“, doch alle Regler sind schon längst ganz oben und das wirklich eindrucksvolle Soundsystem ausgelastet. Es sind einfach viele Menschen.

Zwischen den Redebeiträgen wird Musik gemacht. Mit Bodo Wartke, Dota Kehr und Sarah Lesch stehen echte Hochkaräter auf dem Programm. Drei deutschlandweit erfolgreiche Künstler*innen, die freiwillig ohne Gage auf der Demo spielen. Dota Kehr kommt gerade aus Berlin, wo sie Mittags auf der dortigen Demo gespielt hat. „Es wird Zeit, dass sie sich regen und bewegen, statt den Ast auf dem wir sitzen abzusägen. Es geht ums Überleben, drum nutzen wir jede Gelegenheit der Zerstörung des Planeten entgegenzutreten. Freunde, machen wir uns bereit, denn es bleibt nicht mehr viel Zeit.“, singt Bodo Wartke in Abwandlung seines Regen-Liedes und die ersten fangen an im Pool vor der Oper zu tanzen, Kinder spielen im Wasser und spritzen sich gegenseitig nass. Simultan werden alle Redebeiträge und Musik in Gebärdensprache übersetzt. Ein wundervolles Team ehrenamtlich arbeitender Übersetzer*innen konnte gefunden werden, eines der vielen schönen Details dieses Tages.

Schließlich ist es Zeit aufzubrechen. Der Demozug wird einmal um den Ring gehen. Die verschiedenen Blocks stellen sich vor, unter anderem die Rektorin der Leipziger Uni ruft dazu auf bei den Scientists for Futures mitzulaufen. Für alle ist etwas dabei, der Nabu, die Landwirt*innen, Unternehmer*innen, Omas, Parents und viele mehr, alle haben sie einen eigenen Block organisiert, sodass der Demozug dem Motto #AlleFuersKlima mehr als gerecht wird.

An der Spitze läuft Fridays for Future, die junge Generation, die so viele Menschen zusammengebracht hat. „Es gibt – kein Recht – auf Kohlebagger fahren.“ schallt es. Und noch lauter: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“. Dass dieser Ruf gerechtfertigt ist bestätigen bald die ersten Eilmeldungen, die auf diversen Handys aufblinken. Die Bundesregierung verkündet mit viel Tamtam ein teures Häuflein nichts. 10,00 € pro Tonne Co2 ab 2021, umgerechnet eine Preisteigerung für Benzin und Diesel um 2 Cent, das ist keine Preissteuerung, sondern eine Beleidigung aller Bemühungen der Umweltschützer*innen und Aktivist*innen, aller Menschen, die heute auf der Straße sind. So durchmischt sich die Hoffnung, die die vielen Menschen hier verkörpern, mit Wut. Wut darauf, dass 1.4 Millionen Menschen auf Deutschlands Straßen scheinbar nicht reichen, der Regierung Beine zu machen. Wut darüber, dass die Dringlichkeit, die Wichtigkeit von schnellem und konsequenten Handeln scheinbar immer noch nicht verstanden wurde. Wut darüber, dass wieder mal unsere Zukunft als weniger wichtig als kurzfristige finanzielle Interessen eingestuft wurde. „How dare you!“ ruft Greta Thunberg einige Tage später den Mächtigen dieser Welt ins Gesicht. „Wie könnt ihr es wagen!“, das fragen sich auch heute viele in Leipzig.

Die Rufe werden lauter, doch die Demo ist friedllich. Am System Change Block tanzen kleine Kinder wie wild für eine andere Zukunft. Viel getanzt wird auch beim SOS Amazónia Block, organisiert von der Südamerikanischen Community in Leipzig, als Reaktion auf die Brände und die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes.

Als die letzten am Augustusplatz losgehen, sind die ersten schon lange am Rathaus vorbei gezogen. Fast eine Stunde sind die Kreuzungen am Ring blockiert. Einige Autofahrer müssen tatenlos zusehen wie eine bunte, diverse, schier endlose Menge entschlossener Menschen an ihnen vorbeizieht.

Nach dem Zug gibt es noch ein paar Redebeiträge, dann wird wieder getanzt. Gelöst und befreit, tanzen jetzt auch die Organisator*innen und Ordner*innen mit, die den ganzen Tag außerordentliches geleistet haben. Die Regierung mag es noch nicht verstanden haben, doch die Menschen in Leipzig haben es. 25.000 haben an diesem Freitag ihre Bereitschaft gezeigt, gegen die Klimakatastrophe zu kämpfen und mit jedem Tag, an dem nichts passiert, werden wir mehr.

Spät am Abend wird die Bühne abgebaut, Zelte und Bänke abtransportiert. Der Augustusplatz liegt wieder still und verlassen. Doch es ist noch nicht vorbei, mit dem heutigen Tag hat die Klimaaktionswoche begonnen. Und danach wird der nächste Freitag kommen. Die nächsten Demos werden kommen. Wir werden nicht nachlassen. Wir lassen uns die Hoffnung auf einen Wandel nicht austreiben.

Wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.